Im Heim

Im Heim meiner Mutter, dem Zuhause, in dem sie nun seit fast 20 Jahren lebt, geschieht alles sehr langsam.

Ich sitze mit ihr am Mittagstisch, ein Platzkärtchen weist die Stirnseite des dunklen Holztisches, ohne Stuhl, denn mit dem fährt sie ja rum, als den ihren aus.

Mama schiebt mit ihrem liebsten kleinen Teelöffel mit dem schwarzen Plastikgriff flach auf dem Teller mit Spirelli in Spinat-Käse-Sauce herum, bis eine oder zwei der Nudeln darauf landen.

Mit allerhöchster Aufmerksamkeit und Konzentration, das Löffelchen so fest umklammert, dass das weiße ihrer dünnen Knöchel zu sehen ist, führt sie nun die erbeutete Portion zitternd in Richtung ihres Mundes.

Und es klappt! Diesmal landen beide Nudeln drinnen und es gilt, die nächste Aufgabe des Vorganges “Mittagessen” zu meistern: Kauen und Schlucken ohne sich zu verschlucken.

Durch Jahre von Missgeschicken und Atemnotsanfällen habe ich gelernt, mich in dieser Phase besonders still zu verhalten, nicht gerade jetzt eine Frage zu stellen oder etwas zu sagen, was irgendwie zum Lachen im falschen Moment anregen könnte.

Es ist eine Yogaübung, wenn man so will:

Einen langsam ausgeführten, alltgäglichen Vorgang miterleben, ohne unnötig einzugreifen oder Stress zu verbreiten, die Gemächlichkeit und Abwesenheit von Spektakel ertragen und auch die dazugehörige, teils minutenlange Stille.

Dieser Ort, das Heim meiner Mutter, ist ein surrealer. Menschen mit verschiedenen Graden von Einschränkungen fahren mit ihren E-Rollis durch die Gänge oder werden geschoben, Besuch erhält meist neugierige Aufmerksamkeit und zuweilen auch unverblümte Fragen, es werden regelmäßig Geschichten vorgelesen, gemeinsam gespielt, gegessen und Kaffee getrunken.

Wie eine große, etwas eigentümliche WG.

Ich habe mich lange unwohl gefühlt in diesem Mikrokosmos, jede Bewohnerin eine Erinnerung an die Krankheit meiner Mutter, ein ständig schlechtes Gewissen, Berührungsängste und Hoffnungslosigkeit ob des unumkehrbaren Fortschreitens der multiplen Sklerose, zudem auch die Depression meiner Mutter ob ihres Zustandes, es war mir kaum erträglich hinzufahren und eine Stunde dort zu verweilen, und es gab keinen Besuch ohne Tränen ihrerseits.

Mag es nun der plötzliche und dramatische Krankenhausaufenthalt aufgrund einer Lungenentzündung gewesen sein, der neuen Lebenswillen in ihr entflammt hat, oder auch mein Schrecken, der in mir eine neue Wertschätzung und einen anderen Bezug zum Leben meiner Mutter ausgelöst hat, aber diese Zeiten sind scheinbar für den Moment vorbei.

Ich setze mich ganz behaglich und ruhig mit zum Essen, oder Vorlesen oder Kniffeln, beobachte, wie sich die Situation jeweils in gediegenem Aki Kaurismäki- Tempo entfaltet, spreche ein bisschen mit meiner Mutter über dieses und jenes, ohne mich an die Notwendigkeit eines roten Fadens klammern zu müssen oder besondere komödiantische Einlagen zu versuchen, um die Stille zu minimieren.

Sie ist da, diese Stille, und sie ist gut gnädig und darf mit uns hier sein.

Wir haben einen entspannten und unaufgeregten Ablauf miteinander, der meistens mit einem Kapitel vorlesen, während sie schon im Bett liegt und manchmal wegschlummert, endet.

Und ich gehe mit einem guten und dankbaren Gefühl und ohne nagende Zweifel und Schmerzen wieder nach Hause.

Manchmal muss einem vielleicht die ganze eh schon verwirrende Scheiße ordentlich um die Ohren fliegen, um schätzen zu können, was an Frieden und Schönheit man eigentlich vorher darin gehabt hat.

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