In den zwischen 2020 und 2023 für den taz-Blog>Kriterium< entstandenen Essays unternimmt Verf. den Versuch, die emanzipatorische Kritik an Leitmedien und sozialen Netzwerken als notwendige >linke Kernkompetenz< in Erinnerung zu rufen und erneut zu popularisieren.
Meisners Buch ist am stärksten, wo es sich an medialen Phänomenen der jüngeren Vergangenheit abarbeitet, und Berichterstattung und Kritik an konkreten Beispielen vornimmt. Verf. geht von der Beobachtung aus, dass sich spätestens seit Beginn der 2000er Jahre die >Krise der klassischen Öffentlichkeit< (81) verschärft, was an der zunehmenden Polarisierung im Diskurs um die seitdem maßgeblich massenmedial präsenten Themen unschwer zu erkennen sei. Als Beispiele nennt er den Ukraine-Krieg oder die Coronakrise, welche denn auch die Kritik an der Berichterstattung selbst von ihrem Inhalt losgelöst und dem Pauschalverdacht der rechten Verschwörungstheorie unterstellt habe, indem sie z.B. >das Wort ^Lügenpresse^^ zum Unwort des Jahrzehnts erklären<. >Die Verantwortung so abzuschieben, war und bleibt gefährlich kindisch und spielt politisch mit dem Feuer. Eine absolute Front ist damit hochgezogen worden, die zwei Lager – das des redlichen Establishments und das der volksverhetzenden Verschwörungstheoretiker*innen – in diesem Entweder-Oder überhaupt erst erschuf.< (88)
Um nicht nur formell eine Wiederaufnahme der Kritik an Medien von >links< zu fordern, grenzt Verf. den Begriff gegen Rechts, Mitte, den Linksliberalismus und mediale Zuschreibungen von außen ab, >die sich am Konstruieren der Phantasmagorie eines Linksrucks beteiligt< haben< (48), und versucht sie als >begrifflich eindeutige Orientierungshilfen politischer Urteilskraft< inhaltlich zu schärfen (13). Es ist allerdings trotzdem nicht immer klar, von welcher der verschiedenen, mal historisch, mal psychologisierend oder qua Parteizugehörigkeit identifizierten Linken gerade die Rede ist, so dass der Versuch einer Aufschlüsselung in neuer Verwirrung aufgeht. Einzig die >neueste Linke, die endlich die Versprechen ihrer Vorgänger*innen, der alten wie der neuen Linken, einlöst, indem sie diese miteinander verkoppelt< (51), ist zweifelsfrei benannt und von den anderen skizzierten Subströmungen zu unterscheiden.
Starken Nachdruck legt Meisner auf die in der Tradition Didier Eribons sich bewegende Unterstellung, bestimmte Themen dürften den Rechten nicht >überlassen< werden, sonst wähle >das Volk rechts, zwar gegen seine eigenen Interessen, doch ausgestellt als vermeintlich oppositionellen, im Eigentlichen selbstzerstörerischen Denkzettel ans Establishment. Die legitime Wut, die nachvollziehbare Enttäuschung, die Verweigerung der Bürger*innen allerdings ist nicht abzulehnen, sondern links zu besetzen, rational zu fundieren und politisch zu substantialisieren.< (19) Diese Infantilisierung des >Volkes< widerspricht der an anderen Stellen vorgenommenen Forderung, ebenjene nicht gelten zu lassen, da >es allerwenigstens bedenklich bleibt, wie glatt sich manche linksliberale Posaune inzwischen auf Seiten des Bestehenden und seines apologetischen Himmelschors gegen das dunkel aufziehende dumpfe Volk einreiht< (91).
Schon in der Einführung deutet sich an, dass Meisners Kritik der Medien (der titelgebende Begriff wurde an dieser Stelle noch nicht klar definitorisch eingegrenzt) in Richtung einer Propagandakritik tendiert, die dieser die Fähigkeit zu einer von oben nach unten wirkenden Manipulation von Meinung und Handeln der lenkbaren Massen unterstellt. Sie stützt sich historisch auf die linke Kritik an der demokratiezersetzenden >Massenpsychologie des Faschismus<, welche sich >ohne das Medium des Volksempfängers< und den >Massenkonsumismus des Fordismus< (14) – der seinerseits nicht ohne >die Medienwelt Hollywoods< denkbar ist (14) – nicht hätten durchsetzen können.
Hierbei zeichnet sich die Schwierigkeit, >Medienkritik< als Einzelphänomen kritischen Denkens einerseits solitär zu betrachten, andererseits leicht verdaulich in eine historische gesellschaftliche Entwicklung zu sortieren, besonders deutlich ab, da eine Hierarchisierung oder Einordnung der Wirkmacht von >Medien< und ihrer Verbreitung im Vergleich und Zusammenspiel mit anderen Werkzeugen der Durchsetzung von Herrschaft nicht ausgeführt wird.
Es folgen Kapitel, in denen eine Gegenrede zur Fragmentierung und Spaltung der Linken und die Erinnerung an gemeinsame Interessen unternommen wird. Ausgangspunkt und Fundament bildet hierbei die urlinke Überzeugung >der Mensch ist gut< (hier nach Merleau-Ponty). Leider geraten Darstellungen der verschiedenen Phänomene, z.B. das der >(un-)sozialen Medien< (127) oder Marx als >Pionier des ökologischen Denkens< (70) analytisch etwas kurz zugunsten des Appells an die >Interessenvertretung der 99%< als >Aufgabe der neuesten Linken< (56). Zugegebenermaßen ist diese Form der Polemik eine rhetorische Praxis, die Verf. ausdrücklich verteidigt.
Insgesamt mag das Buch als Einstieg in ein Verständnis der Rolle von Medien für die Öffentlichkeit dienen und als Stichwortgeber zur weiteren Selbstbeschäftigung anregen. Der Versuch, wieder etwas Struktur in jahrzehntealte innerlinke Grabenkämpfe und Animositäten zu bringen, um Kräfte zu bündeln und gemeinsam eine fundierte Kritik am schlechten Bestehenden zu üben, ist sicherlich löblich, allerdings weist die Zusammenfassung durchaus Lücken auf. Vor allem bleibt der gegenwärtige Zustand der >Linken< unterbelichtet und der Beurteilung der schon Eingeweihten vorbehalten. Es drängt sich der Verdacht auf, dass das vorliegende Werk in seiner ursprünglichen Form, als einzelne mehr oder weniger tagesaktuelle Essays und Kommentare zur medialen Landschaft, besser funktioniert hat denn in seiner Zusammenfassung als Buch.
